Ginseng.
Es ist verständlich, daß andere Regionen der Erde ebenfalls ihre Erfahrungen auf dem Gebiet der Arzneipflanzen gesammelt haben. Hier möchten wir wenigstens beispielhaft an die chinesische Kultur erinnern, die mit Sicherheit auf viele Jahrtausende ihres Bestehens zurückblicken kann. Der halbmythische Kaiser SHIN-NONG - er soll um 3700 v.Chr. gelebt haben - gilt nicht nur als der Erfinder des Pfluges, sondern auch als der Verfasser einer pharmakologischen Pflanzenkunde. Eines der wichtigsten Werke der chinesischen Medizin führt den Titel "Chang-han-loun", das würde bedeuten "Lehre von den fieberhaften Krankheiten". Verfaßt wurde dieses Werk um 100 n.Chr. Es bringt als Heilmittel zahlreiche Pflanzen. In erster Linie wird hier der Ginseng (Panax ginseng), eine Pflanze, die wir systematisch zu den Araliaceen rechnen, zu denen auch der bei uns heimische Efeu gehört. Neben dem Ginseng wird in diesem Werk aber auch der Eisenhut (Aconitum), ferner der Kampfer (Camphora) und der Croton (Croton tiglium) erwähnt. Panax ginsing ist bei uns inzwischen zu einer außerordentlich geschätzten Arznei geworden, darum wollen wir ihn hier noch etwas näher betrachten.
"Ein altes asiatisches Märchen berichtet von einem buddhistischen Mönch, der seinen jungen Schüler oft grundlos mißhandelte. Jedesmal, wenn der Mönch die gemeinsam bewohnte Hütte verließ und der Schüler allein zurückblieb, trat ein Kind herein, um mit dem jungen Schüler zu spielen. Um seine Hüften trug das Kind einen roten Gürtel. Als der Mönch von diesen Besuchen erfuhr, befahl er dem Schüler, dem Kind beim nächsten Besuch einen roten Faden an den Gürtel zu heften. Auf diese Weise entdeckte er, daß sich hinter dem geheimnisvollen Spielkamerad eine dicke alte Ginsengwurzel verbarg. Voller Gier riß der Mönch die Wurzel aus dem Boden und kochte sie auf dem Herd in einem Topf voll Wasser, in der Hoffnung, so ihrer wunderbaren Eigenschaften habhaft zu werden. Während die Wurzel kochte, verließ der Mönch die Hütte. Sein Schüler, der von diesen Dingen nichts wußte, war hungrig und nutzte die Gelegenheit, um die so anregend duftende Wurzel zu verspeisen. Um seinen Fehler zu verheimlichen, goß er den Topf mit den Resten auf dem Boden aus, wo sich der Hund gierig über die Brühe hermachte. Als der Mönch zurückkehrte und die Tat entdeckte, wurde er sehr böse. Da stürzte sich der Hund auf ihn und tötete den Mönch. Dies war die Rache des Ginseng."
Die Ginsengwurzel - auch Samwurzel genannt - genießt in Korea, China und Japan seit mehreren Jahrtausenden höchstes Ansehen. In stilisierten Darstellungen findet man sie an Tempeln und Palästen. Wegen der menschenähnlichen Gestalt der Wurzel wurde sie ähnlich wie bei uns die Alraune (Mandragora) mit Naturgeistern und -göttern in Verbindung gebracht. In ihrer Wurzel sollen nach dem Glauben der Chinesen Kräfte gespeichert sein, die es freizusetzen gilt. Darum fand die Wurzel in alter Zeit in verschiedenen Zauberriten Verwendung, wie wir es ähnlich von unserer Alraune kennen, ja man glaubte sogar, daß Ginseng, der an Richtstätten wuchs, besonders wirksam sei. Die chinesischen Schriftzeichen für Ginseng bedeuten "Des Menschen Wurzel" oder "Wurzel in der Gestalt eines Menschen" (ren shen). In der Mandschurei wird erzählt, daß ein Skarabäus den Ginseng in Gestalt eines Knäbleins mit roter Haut als Retter und Erlöser geschickt habe.
Nur würdige Menschen könnten die von einem allgewaltigen Berggeist behütete goldgelbe Wurzel finden, als deren eigentliche Heimat Korea gilt.
In China durften lange Zeit nur der Kaiser und seine Familie die Wurzel gebrauchen. Es galt als hohe Auszeichnung, wenn der "Sohn des Himmels" einem Beamten seines Reiches die Erlaubnis erteilte, sich dieses Heilmittels zu bedienen. Dennoch hegten wohl viele Menschen in Ostasien den Wunsch die lebensverlängernde, verjüngende und alle Krankheiten heilende Kraft der Wurzel zu nutzen. Viele Legenden berichten denn auch über den Ginseng und die Methoden, wie man ihn zu beschaffen versuchte. Manche dieser Erzählungen erinnert an einen modernen Kriminalroman. Die vielfältigen leistungssteigernden Wirkungen bei sehr unterschiedlichen Krankheiten führten dazu, daß schon 200 n.Chr. die Wurzel als Allheilmittel galt. Durch Raubbau gingen die Bestände immer mehr zurück. In dieser Situation baute man in Korea (etwa ab 1750) Ginseng an, wo die Verarbeitung der Wurzel zu "Rotem Ginseng" mittels "Dampf und Feuer" lange Zeit Staatsmonopol blieb. Dabei können wir die angewendete Technik nur bewundern. Durch eine schnelle Hitzeanwendung kommt es zur Hemmung der Fermente, die sonst die Wirkstoffe zersetzen würden. Letztere bleiben also vollständig erhalten. Besonderer Wertschätzung erfreute sich der "Wilde Ginseng" aus der Mandschurei, der zu hohen Preisen gehandelt wurde. Erst um 1900 nahmen die Ginseng-Kulturen in China selbst wieder größeren Umfang an. Im Gebiet der "Tausend Berge" bei Shenyang wachsen fünf Ginseng-Arten wild, doch erntet man fast ausschließlich die in großen künstlich schattierten Anlagen kultivierten Exemplare. Die Erntezeit der 6 Jahre alten Pflanzen fällt in den Oktober. In frischem Zustand zeigen die Wurzelstöcke etwa das Ausmaß einer kräftigen Mohrrübe mit mindestens doppelt so langen Wurzelfäden. In diesen Wurzelspitzen sitzt nach Ansicht der Chinesen die höchste Wirkkraft. Läßt man sie nun an der Luft trocknen, so spricht man vom Weißen Ginseng. Durch kurze Hitzeanwendung (heute meist eine Stunde Kochzeit in Wasser und anschließende Trocknung) entsteht der Rote Ginseng. Von ihm wird in China behauptet, daß er für alte Menschen und sehr schwache Patienten besonders geeignet sei. Bei einer dritten Zubereitungsart kocht man die Wurzel in Honig oder Zuckerwasser. Viele Ärzte in China und Japan verabreichen auch heute noch an unheilbare Patienten als letzte Arznei den Ginseng.
Nach Europa kam der Ginseng durch die Holländer im Jahre 1610. Vermutlich war er im Vorderen Orient durch den Handel über die Seidenstraße und den großen Handelsplatz Dunhuang schon vorher bekannt, allerdings besitzen wir hier keine zeitlichen Hinweise. Die Malereien in den Mogao-Höhlen von Dunhuang zeigen unter den zahlreichen dargestellten Pflanzen auch stilisierte Abbildungen des Ginseng. Wenn man bedenkt, daß über diesen Handelsweg schon in der Antike Seidenstoffe bis Rom gelangten, so wäre das vielleicht auch für den Ginseng möglich, nur fehlen dazu bisher alle schriftlichen Hinweise. Heute vermuten wir, daß IBN CORDOBA (um 1000) und MARCO POLO (1254-1324) den Ginseng nach Europa brachten, doch ging das Wissen um diese Pflanze bald wieder verloren. Unter dem Namen "Pentao" lernte Ende des 17.Jh. der Sonnenkönig LUDWIG XIV. die Wurzel kennen, nachdem 1697 in der Akademie der Wissenschaften die potenzsteigernde Wirkung chinesischen Ginsengs aufgrund von Fallstudien diskutiert wurde. Völlig verunsichert zeigten sich die Mitglieder der Akademie, als sie 1704 eine entsprechende Untersuchung mit amerikanischem Ginseng (Panax quinquefolius L. und P. trifoliata L.) durchführten und keine Wirkung fanden. Heute wissen wir, daß diese Arten andere Wirkstoffe enthalten als der chinesische Ginseng. In Europa galt die Wurzel als außerordentlich kostbar. WEINMANN (1737) sagt, daß man sie nur selten in den Apotheken erhalte, da sie "gar kostbahr und theuer ist". Er empfiehlt sie als Tonikum und Aphrodisiakum. VON HALLER (1755) verordnete Ginseng als potenz- und nervenstärkendes Mittel, ferner bei Krämpfen und Koliken. Während viele europäische Ärzte den Ginseng in den folgenden Jahrzehnten ablehnten, gab es doch immer wieder Therapeuten, die ihn schätzten, doch war die Therapie kostspielig. Noch Anfang des 19.Jh. war die Ginsengwurzel achtzehnmal teurer als Gold. Erst die intensiven Untersuchungen des Japaners SUGIHARA und seines Arbeitskreises (um 1930) und die pharmakologischen Prüfungen von BORIANI (1936) führten dazu, daß in Europa der Ginseng bekannter wurde und Aufnahme in Werken über Arzneipflanzen fand. Heute finden wir ihn sorgfältig abgehandelt in den Lehrbüchern der Phytotherapie (BRAUN u. FROHNE, KARL, WAGNER u. WIESENAUER, WEISS).
Der wissenschaftliche Name Panax ginseng C.A. Mey. (alte Bezeichnung: P. schin-seng Nees) leitet sich im Gattungsbegriff aus dem Griechischen von "pas" = alles, ganz und "akos" = Heilmittel ab, bedeutet also "vielseitiges Heilmittel". Die Artbenennung "ginseng" geht auf die chinesische Sprache zurück. In Japan nennt man die Wurzel "nind-sin", in Korea "san-sam". Die aufrechte, 60-70 cm hohe Pflanze besitzt fünfzählig gefiederte Blätter und treibt zwittrige weiß-grünliche Blüten, die zu 15-30 in einem doldenartigen Blütenstand zusammenstehen (Blütezeit Juni-Juli). Als Frucht bildet sich eine scharlachrote Beere. Von Bedeutung ist das Rhizom mit seinen möhrenartig-knolligen Wurzeln. Die Früchte ähneln denen des Efeus (Hedera helix), mit dem die Gattung Panax verwandt ist. Sie gehören beide in die Familie der Araliaceen, die ihren Namen nach der Amerikanischen Narde = Aralia racemosa L. erhielt.
Mit unserem Ginseng sind etwa sieben weitere Arten verwandt, zwei davon wachsen in Nordamerika: Panax quinquefolius L. und P. trifolius L. Sie werden dort auch verwendet, zeigen aber andere Wirkungen als Panax ginseng.
Phytotherapie gibt es also auch in anderen Erdteilen und sie hat dort eine ebenso lange Entwicklung aufzuweisen wie bei uns. Heute stellt uns die Wissenschaft drei Hauptpräparate aus Pflanzen zur Verfügung: die Rohdroge, die aus der Rohdroge hergestellten Mono- bzw. Polyextraktpräparate und die isolierten Reinstoffpräparate. Das letztere wird jedoch in vielen Fällen ein Glücksfall sein, denn in der Regel wirken die Begleitstoffe einer Arzneipflanze auf die Verstoffwechselung der Inhaltsstoffe außerordentlich günstig und sollten darum stets mitverwendet werden. Alle drei Präparateformen faßt man unter dem Begriff "Phytotherapeutika" oder "Phytopharmaka" zusammen und wir wollen hoffen, daß sie fester Bestandteil unserer modernen Therapie bleiben.
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