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Verbreitungsgebiet des Mönchspeffers

Mönchspfeffer oder Keuschlamm.

 

Mit Kult und Brauchtum der Antike ist der Mönchspfeffer - Vitex agnus-castus - ein Eisenkrautgewächs (Verbenaceen) eng verbunden. Die Gattungsbezeichnung Vitex enthält den älteren Wortstamm "vei"; er bedeutet "winden, flechten" und kennzeichnet die biegsamen, aber zähen und harten Zweige, die zur Herstellung von Flechtzäunen verwendet wurden. Schon PLINIUS (1.Jh.n.Chr.) gab der Pflanze den Namen Vitex und dachte dabei sicher an vitilium = Flechtwerk. Agnus castus kam dagegen durch falsche Wortdeutung zustande. Bei THEOPHRAST (3.Jh.v.Chr.) und DIOSKURIDES (1.Jh.n.Chr.) hieß der Strauch "agnos", doch tritt als Synonym auch "agonos" auf. Während "agonos" mit unfruchtbar zu übersetzen ist, bedeutet "agnos" heilig, rein, keusch, ähnlich wie das aus dem Lateinischen stammende "castus". Beide Begriffe stehen wohl im Zusammenhang mit den zu Ehren der Demeter in Athen und in anderen griechischen Städten gefeierten Thesmophorien. Die Frauen, die zum Fest unberührt bleiben mußten, schmückten sich mit den Blüten des Strauches und benutzten Blätter und Zweige für ihr Lager, das sie während der Festtage im Tempelbezirk der Demeter aufschlugen.  

Aus dem lateinischen Namen Agnus castus entwickelte sich im 11.Jh. die deutsche Bezeichnung Keuschlamm, die bei ALBERTUS MAGNUS (12.Jh.) erstmalig nachweisbar ist. Die antike Auffassung, wie sie im Fest zu Ehren der Demeter zum Ausdruck kam, übernahm das Christentum. Man bestreute den Weg, den ein Novize zum Kloster einschlug, mit Zweigen und Blättern von Vitex, ein Brauch, der in Italien noch in einigen Gegenden üblich sein soll.

Die nach Pfeffer riechenden und schmeckenden Früchte wurden in Südeuropa als Gewürz verwendet. Besonders schätzte man sie in Klöstern, da man annahm, daß die "fleischliche Lust" durch die Früchte unterdrückt würde. Der Gebrauch der Früchte in der Klosterküche gab Anlaß, den Strauch als Mönchspfeffer, Mönchssamen und Pfefferbaum zu bezeichnen. Der im vergangenen Jahrhundert gebräuchliche Name Gewürz-Mülle bezieht sich nicht nur auf die würzigen Samen, sondern auch auf die weißfilzigen Zweige und Blattunterseiten, die wie mit Mehl (Mehl = Mülle) bestäubt aussehen. Die Blätter haben ebenfalls einen scharfen Geschmack und dienten zeitweise als Hopfenersatz in der Braukunst.

Der 2-4 m hohe, aromatisch duftende Strauch von Vitex agnus-castus besitzt hellbraune, zunächst filzige Zweige mit kreuzweise gegenständigen, 5-7zähligen, geteilten, lanzettlichen Laubblättern, die im Spätherbst abgeworfen werden. Die kleinen violett bis rosarot gefärbten Blüten (blaue und weiße Spielarten kommen vor) stehen in dichten rispenförmigen Blütenständen zusammen. Bemerkenswert ist, daß die Blütezeit erst im Hochsommer (Juli/August) einsetzt, wenn für die Pflanze wenig Wasser zur Verfügung steht. Nach der Bestäubung wächst eine pfefferkorngroße, dunkelbraune bis schwarze Frucht heran, die im reifen Zustand vier Samen umschließt. Diese besitzen einen pfefferartigen Geruch und Geschmack. Vitex agnus-castus wächst an Flußufern in der Ebene und in der unteren Bergstufe und ist im Mittelmeergebiet, auf der Krim und in Zentralasien beheimatet.

Erste medizinische Hinweise liefert HIPPOKRATES im 4.Jh.v.Chr. Er empfahl Vitex agnus-castus nicht nur bei Verletzungen, Entzündungen und Milzschwellung, sondern die Blätter mit Wein gegen den "Blutfluß" und zur "Beförderung des Abgangs der Nachgeburt". Am ausführlichsten beschäftigt sich DIOSKURIDES mit der Pflanze. Dem Samen schreibt er eine erwärmende, zusammenziehende Kraft zu, die Frucht sei als Ganzes gut gegen den Biß wilder Tiere, bei Milzschwellungen und bei der Wassersucht. Abkochungen von Samen und Kraut werden in Form von Sitzbädern bei Gebärmuttererkrankungen und Entzündungen empfohlen.

Im deutschen Schrifttum berichtet LONICERUS eingehend über den Strauch, den er als Schaafsmummel bezeichnet. Diese eigenartige Benennung, die sich lange hielt, stellt eine volkstümliche Übersetzung von Vitex agnus-castus dar. Früchte und Blätter verordnete Lonicerus als Anaphrodisiakum, Emmenagogum und Laktagogum bei Wöchnerinnen. Der englische Arzt und Botaniker JOHNSON erwähnt in seiner im 17.Jh. verfaßten "History of Plants" die günstige Wirkung des Mönchspfeffers bei Schwellungen der Genitalien und bei Schmerzen und Entzündungen des Uterus.

In der Volksmedizin war der Strauch wohl nur in den Mittelmeerländern und im Balkan in Gebrauch, wurde aber stets bei Unterleibsleiden, Menstruationsanomalien und als Galaktagogum verwendet. Die Ärzte des 19. und beginnenden 20.Jh. verordneten die Droge kaum; sie war in Vergessenheit geraten. Nur die Homöopathie beschäftigte sich intensiver mit ihr. Zahlreiche klassische Vertreter dieser Therapierichtung führten Arzneimittelprüfungen durch, die zur Aufklärung der Wirkung beigetragen haben. So wird Vitex agnus-castus in der Homöopathie heute als Anaphrodisiakum (Tiefpotenzen), sexuelles Tonikum (mittlere Potenzen), bei mangelnder Stillfähigkeit (Tiefpotenzen) und bei der Prostatahypertrophie (Tiefpotenzen) verwendet.

In der modernen Phytotherapie zählen die Blutungsstörungen infolge Gelbkörperinsuffizienz zum wichtigsten Anwendungsbereich der Pflanze. Sie treten klinisch als verstärkte, zu häufige oder azyklische Dauerblutungen in Erscheinung. Grundlegende Prüfungen zu diesem Themenkreis stammen von HALDER (1957) und PROBST u. ROTH (1954), wobei die Autoren nicht nur über eine günstige Wirkung von Vitex agnus-castus berichten, sondern auch vor einer kritiklosen Anwendung weiblicher Sexualhormone warnen.

 

 

 

 

 

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