Die Römer wußten - ebenso wie die Griechen - den Wein zu schätzen. Der für die Gladiatoren zuständige Arzt GALENUS (129-199) befeuchtete die Verbände Schwerverwundeter mit Rotwein. Schlecht heilende Wunden badete man in Wein, dem man die Blätter zusetzte. Von den Römern kam der Wein nach Mitteleuropa, wo er sich bis in die südlichen Provinzen Englands ausbreitete. An der Ausbreitung der Reben hatten nach dem 4.Jh. das Christentum und hier die Klöster und Ordensgemeinschaften großen Anteil. Natürlich konnte die Weinkultur in den alten gallischen Provinzen des römischen Imperiums auf eine längere Tradition zurückblicken als in den weiter östlich gelegenen Gebieten. Auf die französische Traubenkultur wirkt sich das bis heute aus.
Die mittelalterliche Literatur nennt Vitis vinifera sehr häufig. Natürlich wollte man damit auf "Christus als den wahren Weinstock" und auf die Liturgie der hl. Messe anspielen. Immer stehen aber im Hintergrund auch medizinische Indikationen, etwa im "Liber floridus", den der Kanoniker LAMBERTUS von St. Omer in Flandern um 1120 verfaßte. ALBERTUS MAGNUS (1198-1280) geht in seinen Werken intensiv auf das Blatt von Vitis vinifera ein. Noch detailliertere Angaben liefert der Regensburger Domherr und Ratsherr KONRAD VON MEGENBERG (1309-1374) in seinem "Buch über die Natur". Die Blüten sollen bei Hautkrankheiten, Wurzeln bei vereiterten Wunden, grüne Triebe und Blätter bei Augenleiden verwendet werden. Der in Mainz 1485 aufgelegte "Garten der Gesundheit" des Frankfurter Stadtarztes JOHANN WORNECKE aus Kaub am Rhein bringt ähnliche Angaben.
Die häufige Darstellung von Weinlaub in der Architektur und Malerei der Gotik bezieht sich nicht nur auf die Theologie sondern immer auch auf die Therapie. Dafür gibt es viele Hinweise - Tympanon im Portal am Südquerhaus des Straßburger Münsters (um 1220), Kapitelle in der Kathedrale von Reims (1220), Lettner in der Stiftskirche Gelnhausen/Wetterau (1225), Westlettner im Dom zu Naumburg (1225), Tympanon im Westportal der Elisabethkirche zu Marburg (1270), Kloster Maulbronn, Ostflügel des Kreuzganges (1290), Baptisteriumtüren in Florenz von LORENZO GHIBERTI (1420) oder ein Schrank des JÖRG SYRLIN in Ulm (Stadtmuseum, 1468) - um nur einige Beispiele zu nennen. Ebenso häufig finden wir Weinlaub in gotischen Fenstern dargestellt, etwa in der Stiftskirche von Bad Wimpfen Die gotische Tafelmalerei bildet Vitis vinifera sehr oft ab: Genter Altar der Gebrüder VAN EYCK (1432), "Heilige Familie" des HANS BALDUNG (Germ. Nationalmuseum Nürnberg, um 1520) und Flügelaltar in der Stadtkirche von Weimar von LUCAS CRANACH d.J. (1555).