Von der Antike übernahm die mittelalterliche Medizin die Brennessel, die recht bald ihren Platz in der Volksmedizin fand und der man auch Zauberkräfte zuschrieb. So sollten Brennesseln böse Mächte, gefräßige Tiere und Vögel von Haus und Hof fernhalten. Der Regensburger Ratsherr KONRAD VON MEGENBERG (1309-1374) verfaßte 1350 ein Buch über die Natur, in dem er die Pflanze eingehend beschreibt.
Ein solches Kraut mit heilsamer Wirkung wurde natürlich auch von den Malern dieser Zeit dargestellt. ALBRECHT ALTDORFER (1480-1538), ebenfalls in Regensburg tätig, malt die Brennessel auf seinem berühmten Tafelbild "Susanna im Bade" (Alte Pinakothek, München, um 1500), wo wir sie als kleine Pflanze hinter der mächtigen Königskerze entdecken. Fast alle Kräuterbücher des 16. und 17.Jh. nennen die Brennessel als wertvolle Arzneipflanze. Zu ihren Anwendungsbereichen zählt auch immer der Formenkreis rheumatischer Beschwerden. Eine sorgfältig kolorierte Abbildung liefert das Kräuterbuch des Nürnberger Stadtarztes CAMERARIUS, das um 1608 in Frankfurt/Main erschien (Abb. 13). Im 19.Jh. setzte sich der in Göttingen tätige Gynäkologe JOHANN FRIEDRICH OSIANDER (1787-1855) für die Verwendung der Pflanze bei rheumatischen Leiden ein. Auch in der jüngeren Literatur - etwa bei GESSNER (1953) und bei WAGNER u. WIESENAUER (1995) - wird Brennesselkraut als Bestandteil von Tees bei rheumatischen Erkrankungen genannt.
Die Botaniker nennen die Brennessel Urtica und unterscheiden zwischen der Großen (U. dioica) und der Kleinen Nessel (U. urens). Der wissenschaftliche Name Urtica leitet sich aus der lateinischen Sprache von urere = brennen ab, eine Eigenschaft, die wohl jedem von uns bekannt ist. Urtica dioica = die Große Brennessel ist "zweihäusig". Darunter versteht der Botaniker Pflanzen, die getrenntgeschlechtlich sind; es gibt also männliche und weibliche Pflanzen, was auch die Artbezeichnung dioica = zweihäusig besagt. Brennen können beide, denn überall am Stengel und an den Blättern sitzen die Brennhaare mit ihren kugeligen Köpfchen. Diese brechen bei der geringsten Berührung ab (Abb.). Die sehr scharfe Abbruchkante ritzt die Hautoberfläche und entläßt eine Flüssigkeit, die einen brennenden Schmerz und eine Hautrötung hervorruft. Bei dieser Nesselsubstanz handelt es sich um ein Gemisch aus Histamin, Acetylcholin und Ameisensäure. Auch die Kleine Nessel brennt nicht weniger stark als die Große. Wegen dieser Eigenschaften meiden wir diese Pflanzen und versuchen sie aus unserem Garten zu verbannen, was uns aber selten gelingt. Darüber sollten wir uns sogar freuen, denn für die Raupen vieler unserer Schmetterlinge - etwa des leuchtend gefärbten Admirals (Vanessa atalanta) - dienen sie als Wirtspflanzen. Aus Urtica-Arten können wir aber auch eine Spritzbrühe bereiten, um Schädlinge an Zier- und Nutzpflanzen zu bekämpfen. Brennesseljauche liefert zudem einen vorzüglichen Dünger.
Die Urtica-Arten fassen die Botaniker mit einigen weiteren Gattungen zur Familie der Nesselgewächse (Urticaceen) zusammen. Mit dem Wort "Nessel" verbinden wir die Vorstellung von einem groben Gewebe. Unsere Vorfahren haben die Stengel der Großen Nessel zu Fasern verarbeitet und noch in den Notzeiten des Zweiten Weltkrieges wurde sie für diesen Zweck gesammelt.